In eigener Sache: Wir sind nicht neutral. Wir setzen kommunale Websites bevorzugt mit Payload CMS und Puck um und bewerben uns auch um solche Aufträge. Gerade deshalb beschreiben wir hier Kriterien, die unabhängig vom System gelten – und nennen auch die Fälle, in denen andere Systeme die bessere Wahl sind.
Der Weg zur Vergabe
-
Phase 1 · Kommune
Vorbereiten
- Bedarf & Ziele klären
- Markterkundung
- Lastenheft & Bewertungsmatrix
- Verfahren wählen
-
Phase 2 · mit der Vergabestelle
Vergeben
- Bekanntmachung
- Eignung prüfen
- Angebote & Teststellung
- Wertung
- Zuschlag
-
Phase 3 · Auftragnehmer
Umsetzen
- Pflichtenheft (Freigabe durch die Kommune)
- Umsetzung
- Abnahme nach den Kriterien aus dem Lastenheft
Lastenheft und Pflichtenheft: wer schreibt was?
Das Lastenheft schreibt die Kommune – oder lässt es schreiben. Es beschreibt, was die neue Website leisten muss: Ziele, Zielgruppen, Inhalte, Funktionen, Barrierefreiheit, Datenschutz, Schnittstellen, Migration, Betrieb. Es ist Grundlage der Ausschreibung.
Das Pflichtenheft erstellt der Auftragnehmer nach dem Zuschlag. Es beschreibt, wie jede Anforderung technisch umgesetzt wird, und wird von der Kommune freigegeben. Es ist Grundlage für Umsetzung und Abnahme.
Damit das funktioniert, braucht jede Anforderung im Lastenheft drei Dinge: eine eindeutige Nummer, eine Priorität (Muss, Soll, Kann) und ein prüfbares Abnahmekriterium. „Die Website ist barrierefrei“ reicht nicht; „Prüfbericht nach BITV 2.0 ohne kritische Befunde vor der Abnahme“ schon. Wie ein solches Lastenheft aufgebaut ist, zeigen wir auf unserer Seite Lastenheft & Konzept.
Die vergaberechtlichen Grundregeln
Welche Regeln im Einzelnen gelten, hängt vom Auftragswert und vom Landesrecht ab – die Vergabestelle sollte von Anfang an dabei sein. Einige Grundsätze gelten aber immer:
- Den Auftragswert ehrlich schätzen. Entscheidend ist der Gesamtwert einschließlich Betrieb und Wartung über die Vertragslaufzeit. Liegt er über dem EU-Schwellenwert – für Liefer- und Dienstleistungen kommunaler Auftraggeber im Bereich von gut 200.000 Euro netto, der Wert wird alle zwei Jahre angepasst –, ist europaweit auszuschreiben. Darunter gilt Landesrecht, in vielen Ländern die Unterschwellenvergabeordnung.
- Produktneutral beschreiben. Ein bestimmtes System darf nur in begründeten Ausnahmefällen vorgegeben werden. Beschreiben Sie Anforderungen, nicht Produkte – sonst ist die Ausschreibung angreifbar.
- Eignung und Zuschlag trennen. Ob ein Anbieter grundsätzlich geeignet ist (Erfahrung, Referenzen, Leistungsfähigkeit), wird vorab geprüft. Bewertet und verglichen wird anschließend nur das Angebot selbst.
- Das wirtschaftlichste Angebot gewinnt – nicht automatisch das billigste. Qualitative Kriterien sind ausdrücklich erlaubt und bei Websites sinnvoll.
- Vorbefasste Unternehmen transparent behandeln. Wer an der Vorbereitung mitgewirkt hat, etwa am Lastenheft, darf sich nur beteiligen, wenn der Wettbewerb dadurch nicht verzerrt wird. Das sollte vorab geklärt und dokumentiert werden.
- Das passende Verfahren wählen. Für Website-Projekte mit konzeptionellem Anteil eignet sich oft ein Verfahren mit Teilnahmewettbewerb und Verhandlung oder Präsentation – so lässt sich über Lösungen sprechen statt nur über Preise.
- Standardverträge nutzen. Die Ergänzenden Vertragsbedingungen für IT-Leistungen (EVB-IT) regeln viele Fragen zu Erstellung, Service und Nutzungsrechten bereits.
Nach welchen Kriterien Sie auswählen sollten
Eine gute Bewertungsmatrix bildet ab, was die Website über Jahre leisten muss. Ein Beispiel für die Gewichtung der Zuschlagskriterien:
| Kriterium | Gewicht | Wie es geprüft wird |
|---|---|---|
| Gesamtkosten über 5–6 Jahre | 30 % | Erstellung, Lizenzen, Hosting, Wartung, Weiterentwicklung und Schulung zusammengerechnet |
| Qualität des Lösungskonzepts | 25 % | Schriftliches Konzept zu Struktur, Redaktion, Migration und Schnittstellen |
| Bedienbarkeit für die Redaktion | 15 % | Teststellung: Redakteur*innen lösen typische Aufgaben, die Zeit und Fehler werden bewertet |
| Barrierefreiheit | 10 % | Prüfung einer Musterseite, Qualifikation der Prüfenden, Vorgehen im Betrieb |
| Betrieb, Service & Sicherheit | 10 % | Hosting in Deutschland, Reaktionszeiten, Update- und Sicherheitskonzept |
| Unabhängigkeit & Ausstieg | 10 % | Lizenzmodell, Nutzungsrechte, Datenexport, Verfügbarkeit weiterer Dienstleister |
Zwei Punkte werden besonders oft unterschätzt:
- Die Gesamtkosten. Ein günstiger Relaunch mit hohen jährlichen Lizenz- und Partnerkosten ist über sechs Jahre oft teurer als ein Angebot mit höherem Startpreis. Fordern Sie eine vollständige Kostenaufstellung für die gesamte Laufzeit.
- Der Ausstieg. Was passiert, wenn Sie in sechs Jahren den Dienstleister wechseln wollen? Lassen Sie sich zusichern, dass Inhalte vollständig exportiert werden können, dass Sie die nötigen Nutzungsrechte erhalten und dass das System auch von anderen betreut werden kann.
Sitecore, Drupal, TYPO3: wann passt was?
Weil die Ausschreibung produktneutral sein muss, entscheiden am Ende die Angebote. Für die Vorbereitung hilft trotzdem ein ehrlicher Blick auf die verbreiteten Systeme:
| System | Passt gut, wenn … | Lieber Finger weg, wenn … |
|---|---|---|
| Sitecore | eine Organisation Personalisierung, Kundenprofile und Marketing-Automatisierung in großem Umfang braucht und das Budget dafür dauerhaft vorhanden ist. | es vor allem um Bürgerinformation und Online-Dienste geht, die Lizenzkosten in keinem Verhältnis zur Nutzung stehen, kaum bezahlbare Fachleute verfügbar sind oder Open-Source- und Souveränitätsziele gelten. |
| Drupal | sehr viele unterschiedliche Inhaltstypen und komplexe Rechte gebraucht werden und ein erfahrenes Drupal-Team – intern oder extern – langfristig zur Verfügung steht. | niemand im Haus oder beim Dienstleister tiefe Drupal-Erfahrung hat, die Redaktion möglichst einfache, visuelle Werkzeuge braucht oder schlanke Strukturen genügen. |
| TYPO3 | bereits eine gut gepflegte, aktuelle TYPO3-Installation läuft, die Redaktion damit vertraut ist und im DACH-Raum genug Dienstleister verfügbar sind. | die Installation über viele Versionen nicht aktualisiert wurde, zahlreiche Erweiterungen Upgrades blockieren oder Inhalte vor allem über Schnittstellen in App, Infoscreens und KI ausgespielt werden sollen. |
| Payload + Puck | eine moderne, selbst betriebene Plattform mit visuellem Baukasten, offenen Schnittstellen und vielen Auftritten auf einer Basis gewünscht ist. | kein technischer Partner oder eigenes Entwicklungsteam vorgesehen ist oder nur eine sehr kleine Website ohne Weiterentwicklung gebraucht wird. |
Der Wechsel weg von Sitecore
Viele Kommunen haben sich vor Jahren für Sitecore entschieden – oft aus guten Gründen. Heute zeigt sich häufig: Die Lizenzkosten laufen weiter, die Marketing-Funktionen werden kaum genutzt, die Redaktion kann Änderungen nicht selbst umsetzen, und Fachleute sind rar und teuer. Ein Wechsel lohnt sich dann – wenn er gut vorbereitet ist:
- Verträge prüfen. Laufzeiten, Kündigungsfristen und Verlängerungsklauseln von Lizenz, Hosting und Wartung festhalten. Der Livegang des neuen Systems sollte vor der nächsten Verlängerung liegen, damit keine Kosten doppelt anfallen.
- Bestand erfassen. Alle Seiten, Dokumente, Formulare, Medien und Adressen per Crawler erfassen – inklusive der Adressen, die nur noch von außen verlinkt sind.
- Inhalte sichern. Inhalte über die vorhandenen Schnittstellen oder per Crawl exportieren und strukturiert in das neue System übernehmen. Dabei gleich aufräumen: Veraltetes nicht mitnehmen.
- Funktionen ehrlich bewerten. Welche Funktionen werden tatsächlich genutzt? Personalisierung und Profilbildung sind auf einer Verwaltungswebsite meist entbehrlich – und datenschutzrechtlich ohnehin heikel.
- Anbindungen auflisten. Suche, Formulare, Terminvergabe, Ratsinformationssystem, Online-Dienste, Single Sign-on, Mailversand: Was hängt am alten System und muss neu angebunden werden?
- Weiterleitungsplan erstellen. Jede alte Adresse bekommt eine neue – per 301-Weiterleitung. So bleiben Lesezeichen, Verlinkungen und Suchmaschinen-Platzierungen erhalten.
- Gleitend umziehen. Micropages und Teilbereiche können schrittweise wechseln, der Hauptauftritt zum Schluss. Das senkt das Risiko.
Checkliste für Ihre Ausschreibung
- Vergabestelle früh einbindenVerfahren, Schwellenwert und Zeitplan gemeinsam festlegen
- Lastenheft produktneutralAnforderungen statt Produktnamen
- Prüfbare Abnahmekriterienfür jede Muss-Anforderung
- Barrierefreiheit konkretStandard, Prüfverfahren und Prüfung im Betrieb
- Gesamtkosten fordernfür die gesamte Laufzeit, inklusive Lizenzen
- Teststellung mit der Redaktionechte Aufgaben statt Hochglanz-Präsentation
- Migration & Weiterleitungenals eigene Leistung beschreiben
- Ausstieg regelnDatenexport, Nutzungsrechte, Dokumentation
- Betrieb in Deutschlandmit Vertrag zur Auftragsverarbeitung
- Schnittstellen benennenFachverfahren, Single Sign-on, Mail, App, Open Data
Sie bereiten eine Ausschreibung vor? Wir unterstützen bei Lastenheft, Bewertungsmatrix und Markterkundung – und klären vorab transparent, ob wir ausschließlich beraten oder uns später auch bewerben.
Dieser Beitrag gibt einen Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung. Maßgeblich sind das jeweils geltende Vergaberecht des Bundes und Ihres Landes sowie die Vorgaben Ihrer Vergabestelle.